Ausflug in die Tonstadt Velten
»Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken.«
Vielleicht kennst du diese Zeile aus einem Liebesgedicht von Joachim Ringelnatz. Die Chance, dass diese Kachel aus Velten stammt, ist relativ groß, denn dieser kleine Ort nördlich von Berlin war einmal eine Hochburg der Ofen- und Kachelindustrie.
Rund 40 Ofenfabriken und keramische Werkstätten gab es um 1900 in der Stadt. In einer dieser ehemaligen Fabriken ist nun ein Museum untergebracht, das über 300 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte des Ofens erzählt und das ich als Ausflugsziel sehr empfehlen kann. Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht etwas langweilig klingt – es lohnt sich wirklich.
Das Museum befindet sich im Dachgeschoss der denkmalgeschützten Ofenfabrik A. Schmidt, Lehmann. Ein imposanter Backsteinbau aus dem Jahr 1899, dessen goldgelbe Klinker schon von weitem leuchten. Die Räume sind in den letzten Jahren modern gestaltet worden, lassen aber noch viel von der originalen Nutzung erahnen. Das sorgt für eine besondere Atmosphäre.
Auf rund 900 Quadratmetern sind Öfen des 16. bis 20. Jahrhunderts zu sehen – darunter der berühmte weiße »Berliner Ofen«, eiserne Öfen, Küchenherde, Kacheln und Ofenschmuck, Musterbücher und historische Fotografien. Auch über die historischen Hintergründe erfährt man in der Ausstellung einiges.
Im Erdgeschoss gibt es Räume für Sonderausstellungen und Workshops. In den Ferien werden Kurse für Kinder angeboten, und auch Erwachsene können hier bei besonderen Veranstaltungen aktiv werden und den Ton mit eigenen Händen bearbeiten.
Neben dem Ofen- und Keramikmuseum beherbergt der Gebäudekomplex auch das ebenfalls sehr sehenswerte Hedwig Bollhagen Museum, das 2015 eröffnet wurde. Es widmet sich dem keramischen Nachlass der Keramikerin Hedwig Bollhagen, die bis zu ihrem Lebensende 2001 in den HB-Werkstätten im nahegelegenen Ortsteil Marwitz wirkte. Bekannt ist vor allem ihr blau gemustertes Geschirr, aber die Ausstellung hier im Museum zeigt auch noch ganz andere interessante Seiten ihres Werkes.
Produziert wird bei Bollhagen-Keramik immer noch. Auch in den Werkstätten, die etwa 2,5 Kilometer vom Museum entfernt liegen, lohnt sich ein Besuch. An diesem Wochenende ist dort anlässlich der Europäischen Tage des Kunsthandwerks auch am Sonntag geöffnet. Wer möchte – und ein nicht zu schmalles Portemonnaie hat – kann dort auch direkt vor Ort schöne Keramik einkaufen.
Velten selbst ist eine kleine, ruhige Stadt, die recht unspektakulär daherkommt. Viele erstaunlich aufwendig gestaltete Bürgerhäuser zeugen davon, dass es der Stadt dank der Ofenindustrie einmal recht gut gegangen sein muss. Aber auch heute scheint es dem Ort noch ganz gut zu gehen. Alles wirkt ordentlich und gepflegt.
Von Berlin-Mitte braucht man ca. 1 Stunde bis zum Museum. Mit der S25 bis Henningsdorf und von dort mit dem RE6 ist Velten mit der Bahn gut und schnell von Berlin aus erreichbar. Vom Bahnhof sind es nur wenige Minuten Fußweg bis zum Museum in der Wilhelmstraße 32.
Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet 7,- Euro.
→ Webseite des Ofen- und Keramikmuseums
→ Hedwig Bollhagen Werkstätten
