Brancusi Neue Nationalgalerie

Brancusi in der Neuen Nationalgalerie

Dem Umbau und der daraus resultierenden Schließung des Centre Pompidou in Paris ist es zu verdanken, dass die Neue Nationalgalerie derzeit eine umfangreiche Ausstellung mit Werken des Bildhauers Constantin Brâncuși (meist Brancusi geschrieben) zeigen kann. Ein großer Teil der Arbeiten stammt aus der bedeutenden Sammlung des Pariser Museums und ist nun für einige Monate in Berlin zu sehen.

Die Ausstellung fällt in ein besonderes Jahr, denn Brancusi wäre 2026 150 Jahre alt geworden. Eine große Ausstellung mit seinen Werken hat es in Deutschland seit rund fünfzig Jahren nicht mehr gegeben. Dass der Künstler hierzulande weniger bekannt ist als andere Vertreter der klassischen Moderne, hängt sicher auch damit zusammen. Umso spannender ist die Gelegenheit, sein Werk jetzt in dieser Breite kennenzulernen.

Brancusi wurde 1876 in Rumänien geboren und ging Anfang des 20. Jahrhunderts nach Paris, damals das Zentrum der internationalen Kunstszene. Dort bewegte er sich im Umfeld der Avantgarde und hatte Kontakt zu Künstlern wie Duchamp, Modigliani oder Matisse. Nach kurzer Zeit im Atelier von Auguste Rodin schlug er jedoch bewusst einen eigenen Weg ein. Ihm ging es nicht um eine möglichst genaue Darstellung des Körpers, sondern um eine unmittelbare, direkte Form der Bildhauerei, bei der das Material selbst sichtbar bleibt. Holz, Stein, Bronze oder Gips sollten nicht hinter einer illusionistischen Oberfläche verschwinden, sondern als Material erfahrbar bleiben.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Rekonstruktion seines Ateliers. Brancusi hatte testamentarisch verfügt, dass nicht nur seine Werkstatt, sondern sein gesamter künstlerischer Nachlass geschlossen erhalten bleiben sollte. Diesen umfangreichen Bestand vermachte er dem französischen Staat. Dazu gehören Skulpturen, Sockel, Werkzeuge, Zeichnungen und ein großes Fotoarchiv. Das Atelier wurde später in der Nähe des Centre Pompidou originalgetreu wieder aufgebaut und war bisher nur dort zu sehen. Dass diese Rekonstruktion nun in Berlin gezeigt wird, ist daher eine besondere Gelegenheit. Die Präsentation hilft dabei nachzuvollziehen, wie Brancusi gearbeitet hat und wie wichtig für ihn die Anordnung der Werke im Raum war. Seine Skulpturen stehen nicht für sich allein, sondern bilden zusammen mit den Sockeln und ihrer Aufstellung eine Einheit.

Brancusi beschäftigte sich zeitlebens mit wenigen Grundmotiven, zu denen er immer wieder zurückkehrte. Köpfe, Vögel, Paare oder Säulen erscheinen in zahlreichen Varianten. Dabei ging es ihm weniger um die Darstellung eines konkreten Gegenstands als um Bewegung, Gleichgewicht oder eine bestimmte Haltung.

Die Ausstellung ist nicht streng chronologisch aufgebaut, sondern in Werkgruppen gegliedert. Seine Formen werden mit der Zeit immer einfacher, glatter und geschlossener. Viele Skulpturen sind stark poliert, rund und fließend. Gerade darin liegt ein großer Teil ihrer Wirkung. Die Oberflächen reflektieren das Licht, die Linien wirken ruhig und ausgewogen, und selbst stark reduzierte Formen behalten eine erstaunliche Präsenz.

Dass diese stark vereinfachte und abstrakte Darstellung zu Beginn des 20. Jahrhunderts heftig umstritten war, ist heute kaum noch vorstellbar. Berühmt wurde ein Streitfall in den 1920er Jahren, als eine seiner Skulpturen in die USA eingeführt wurde. Die Zollbehörden wollten das Werk nicht als Kunst anerkennen, weil es keinem realen Gegenstand ähnlich genug sah, und stuften es als gewöhnliches Metallobjekt ein. Erst ein Gerichtsverfahren entschied zugunsten des Künstlers und stellte fest, dass ein Kunstwerk nicht naturgetreu sein muss, um als Kunst zu gelten. Der Fall gilt bis heute als wichtiger Moment in der Geschichte der modernen Kunst.

Auch in der Berliner Ausstellung wird sichtbar, wie konsequent Brancusi seinen eigenen Weg gegangen ist. Reihen von Köpfen zeigen, wie sich die Form Schritt für Schritt vom Porträt zur fast vollkommenen Abstraktion entwickelt. Bei den berühmten Vogelskulpturen geht es nicht mehr um das Tier selbst, sondern um Bewegung, Aufstieg und Leichtigkeit. Selbst die Sockel sind Teil des künstlerischen Konzepts und wurden von Brancusi sorgfältig gestaltet. Oft stehen schwere Steinblöcke auf schmalen Holzfüßen oder schlanke Formen auf massiven Basen, was den Arbeiten eine besondere Spannung gibt.

Die hohe offene Halle der Neuen Nationalgalerie erweist sich dafür als idealer Rahmen. Die klare Architektur passt sehr gut zu Brancusis reduzierter Formensprache. Seine glatten, runden und fließenden Formen sind bis heute ein ästhetischer Genuss und machen beim Anschauen einfach Freude. Sollte man sich nicht entgehen lassen.

Noch bis 9. August ist die Ausstellung täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 16,- €

Webseite der Ausstellung

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