Der Mann hinter den Bildern
Normalerweise widmen Museen und Galerien ihre Ausstellungen einem bestimmten Künstler. In einer neuen Ausstellung der Alten Nationalgalerie ist das anders. Im Mittelpunkt steht ein Kunsthändler und Galerist, der wie kaum ein anderer einem ganzen Kunststil zum Durchbruch verholfen hat.
Die Rede ist von Paul Cassirer (1871-1926). 1898 gründete er gemeinsam mit seinem Cousin Bruno im Tiergarten-Viertel eine Kunsthandlung, die binnen weniger Jahre zur führenden Galerie für den französischen Impressionismus in Deutschland aufstieg. In enger Verbindung mit der Berliner Secession — einer 1898 gegründeten Künstlervereinigung, die sich gegen den konservativen Kunstgeschmack des Kaiserreichs richtete — wandte er sich gegen die offizielle Hofkunst und zog dabei auch den persönlichen Unmut Kaiser Wilhelms II. auf sich.
Was Cassirer von anderen Kunsthändlern unterschied, war weniger der bloße Verkauf von Gemälden als die Überzeugung, dass sich Qualität durchsetzt, wenn man ihr nur hartnäckig genug Gehör verschafft. Er schulte sein Publikum, stellte Werke in entwicklungsgeschichtlicher Perspektive aus und zeigte teils sehr unterschiedliche künstlerische Positionen parallel, um vergleichendes Sehen zu fördern.
Schon nach zehn Jahren umfasste sein Programm rund 130 Ausstellungen, die in der zeitgenössischen Presse ebenso leidenschaftlich wie kontrovers diskutiert wurden. Kaum ein Künstler steht so sehr für diese Beharrlichkeit wie Vincent van Gogh: Von den rund 120 Van-Gogh-Werken, die sich vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland befanden, gingen 80 durch Cassirers Kunsthandel. Eines der bekanntesten Van-Gogh-Selbstporträts von 1887, das mehrfach bei Cassirer zu sehen war und heute zum Bestand des Van-Gogh-Museums Amsterdam gehört, ist als Leihgabe in der Ausstellung zu sehen.
Künstler wie Degas, Cézanne, Manet, Monet, Renoir und van Gogh erlangten durch ihn erstmals größere Aufmerksamkeit im deutschsprachigen Raum, und zahlreiche Schlüsselwerke fanden durch seine Vermittlung Eingang in bedeutende deutsche Sammlungen und Museen, darunter auch in die Bestände der Nationalgalerie selbst. Den Kontakt zum damaligen Nationalgalerie-Direktor Hugo von Tschudi hatte Max Liebermann vermittelt — eine Allianz, die die Ausstellung unter dem Kapitel »Allianz für die Moderne« eigens beleuchtet.
Cassirers Engagement beschränkte sich dabei nicht allein auf die Vermittlung französischer Kunst. Er setzte sich ebenso für den deutschen Impressionismus ein und unterstützte die Berliner Secession, namentlich Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt. Gleichzeitig förderte er mit Ferdinand Hodler und Edvard Munch bedeutende Wegbereiter der klassischen Moderne, während mit Ernst Barlach, Ernst Ludwig Kirchner und Paula Modersohn-Becker auch die junge Avantgarde Eingang in das Programm seiner Galerie fand. Für seine Entscheidungen maßgeblich war dabei weniger eine bestimmte Stilrichtung als allein künstlerische Originalität und Eigenständigkeit.
Die Ausstellung beleuchtet dieses außergewöhnliche Engagement anhand von über 120 Werken des Impressionismus und der klassischen Moderne. Neben den spannenden historischen Zusammenhängen und der Geschichte des Kunstsalons sind die Werke selbst natürlich ein ganz gewichtiges Highlight. Auch wer einfach nur großartige Bilder von Monet, Manet, van Gogh, Liebermann und vielen anderen genießen möchte, kommt voll auf seine Kosten.
»Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus« ist bis zum 27. September 2026 in der Alten Nationalgalerie, Bodestraße 1–3, Museumsinsel, zu sehen. Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen. Der Eintritt kostet 16,- €
