Die Kette – Faszinierende Fotoserie
Es beginnt mit Antonio. Der Betreiber einer Reparaturwerkstatt ist der Startpunkt einer faszinierenden Ausstellung, die derzeit im Museum Schöneberg läuft.
Zu sehen sind 40 Porträts, die der Fotograf John Kolya Reichart in Schöneberg aufgenommen hat. Das Besondere daran: Nur die erste porträtierte Person hat der Fotograf selbst ausgewählt. Er entschied sich für Antonio, den Schuster, dessen Laden nicht nur Werkstatt ist, sondern auch ein Treffpunkt, an dem der Kiez zusammenkommt und Nachbarschaft praktisch gelebt wird. Kennengelernt hatte Reichart ihn auf dem einfachsten Weg: Er brachte seine Schuhe zum Reparieren vorbei.
Antonio durfte dann die nächste Person vorschlagen, die fotografiert werden sollte – und so weiter, und so weiter. Über ein Jahr lang entstand auf diese Weise eine Kette aus 40 Porträtierten, die dem Projekt seinen Namen gegeben hat: »Die Kette«. Reicharts einzige Vorgabe war, dass die jeweils vorgeschlagene Person in Schöneberg leben muss.
Durch die ungewöhnliche Art der Auswahl ist eine ganz besondere Mischung entstanden. Sicher kein repräsentativer Durchschnitt durch den Bezirk, aber eine spannende Vielfalt, die vielleicht doch auch ganz typisch ist für weite Teile Schönebergs.
Der Fotograf hat aber nicht nur Bilder gemacht, sondern mit den Protagonisten auch ausführlich gesprochen. Direkt neben den Porträts ist ein QR-Code angebracht, und man kann mit dem eigenen Smartphone oder mit in der Ausstellung bereitgestellten Abspielgeräten Ausschnitte aus diesen Gesprächen hören. Zum einen erfährt man, was jeder Porträtierte über die von ihm vorgeschlagene nächste Person erzählt, in einem weiteren Raum kann man dann hören, was die Porträtierten über sich selbst berichten.
Es ist sehr spannend, auf diese Weise mehr über unterschiedliche Lebensrealitäten zu erfahren. Wer häufig in Schöneberg unterwegs ist, kennt vielleicht den einen oder die andere sogar vom Sehen. Beim Zuhören merkt man schnell, dass der erste äußerliche Eindruck oft täuscht und manchmal ein ganz anderer Mensch dahinter steckt, als man erwartet hätte.
Es lohnt sich wirklich, sich etwas Zeit für die Ausstellung zu nehmen – oder vielleicht sogar mehrfach hinzugehen. Die Audioaufnahmen sind auch bei Spotify abrufbar, doch beim Hören direkt vor den großen Fotos zu stehen macht das Erlebnis noch eindringlicher.
Zu mehreren Terminen werden auch Führungen durch die Ausstellung angeboten. Sicher ebenfalls interessant, was der Fotograf selbst über seine Arbeit zu erzählen hat.
Geöffnet ist die Ausstellung noch bis zum 17. Januar 2027 immer Samstag bis Donnerstag von 14 bis 18 Uhr und freitags von 9 bis 14 Uhr. Der Eintritt ist frei.
