Berliner Koffer

Ich hab noch einen Koffer in Berlin …

Einen Koffer in Berlin besang einst Hildegard Knef. Im Willy-Brandt-Haus steht nun ein anderer Koffer im Mittelpunkt einer sehenswerten Ausstellung, doch auch dieser ist randvoll mit Erinnerungen.

Der Koffer gehörte dem Fotografen Fide Struck (1901–1985). Anfang der 1940er Jahre verstaute er rund 3.000 Negative, teils auf Glas, teils auf Rollfilm, in besagtem Koffer, um sie vor der Zerstörung im Krieg zu schützen. Siebzig Jahre lang rührte niemand diesen Koffer an, bis ihn 2015 ein Freund von Thomas Struck, dem heute 83-jährigen Sohn des Fotografen, aus dessen Keller zutage förderte.

Was daraus zum Vorschein kam, ist ein echter Schatz, sowohl in historischer als auch in künstlerischer Hinsicht. 124 bislang unveröffentlichte Fotografien aus diesem besonderen Fund sind nun in der Ausstellung zu sehen.

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Zwischen 1932 und 1938 zog Fide Struck mit der Kamera durch die Stadt und hielt fest, was ihm begegnete: Radfahrer im Regen auf der Stresemannstraße, Trubel auf dem Potsdamer Platz mit dem »Haus Vaterland« im Hintergrund, Angler an einem Teich im Tiergarten, kräftige Männer und Brauereipferde bei der Arbeit in der Schultheiß-Patzenhofer-Brauerei an der Landsberger Allee oder Fahrgäste der Straßenbahnlinie 176, die in etwa siebzig Minuten von Grunewald bis Lichtenberg unterwegs war.

Geboren wurde Struck 1901 in Hamburg. Nach dem Ersten Weltkrieg schloss er sich der Wandervogel-Bewegung an und landete später in der Künstlerkommune Gildenhall bei Neuruppin, wo er sich im Umfeld von Bauhaus und Deutschem Werkbund die fotografischen Grundlagen aneignete. Diese Prägung ist seinen Bildern deutlich anzusehen.

Er bezeichnete sich als Arbeiterfotograf und widmete sich der Alltagsfotografie. Heute würde man manches davon vielleicht als »Streetfotografie« einordnen. Nazis und Hakenkreuze sucht man auf seinen Bildern vergeblich, obwohl man sie in den 1930er Jahren vielleicht erwarten würde. Struck vermied das ganz bewusst, und trotzdem spürt man in den Aufnahmen, dass etwas in der Luft lag, zumindest wenn man sie aus heutiger Perspektive betrachtet.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten konnte er als Fotoreporter nicht mehr arbeiten, weil er nicht dem NS-Fotografenverband beitreten wollte. Stattdessen verlegte er sich auf inszenierte Kindergeschichten, etwa den »Weihnachtstraum«, mit dem er für ein Spielzeuggeschäft in der Leipziger Straße warb. Als Modelle dienten ihm dabei teilweise seine eigenen Kinder.

Ergänzt werden die Bilder der Ausstellung  durch einige persönliche Gegenstandes des Fotografen und vor allem durch Texte, die sein Sohn Thomas verfasst hat. Er versucht sich in seinen Vater hineinzudenken und die Bilder zu kommentieren, wie ich finde recht gelungen. Die Texte wurden von Ulrich Tukur und Eva Matthes gesprochen und können über QR-Codes in der Ausstellung mit dem eigenen Smartphone abgerufen werden. Man kann sie sich aber auch direkt am Eingang zur Ausstellung am Stück, in einer rund 15-minütigen Diashow, anhören. 

Noch bis zum 27. September kann und sollte man sich diese besondere  Ausstellung ansehen.. Geöffnet ist  dienstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei, ein Ausweisdokument wird beim Einlass benötigt.

Webseite zur Ausstellung

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