Im Rhythmus der Großstadt
In die goldenen Jahre der Zeitungsstadt Berlin führt uns eine neue Ausstellung im Stabi Kulturwerk, dem Ausstellungsraum der Staatsbibliothek Unter den Linden.
»Im Rhythmus der Großstadt — 100 Jahre Fotografie und Presse in Berlin« heißt die Sonderausstellung, die das Wechselspiel von Journalismus, Fotografie und urbanem Leben von den bewegten 1920er Jahren bis in die Gegenwart nachzeichnet.
Bis zu 147 Tageszeitungen mit mehreren täglichen Ausgaben gab es zeitweise in der Stadt. Heute kaum noch vorstellbar. Die Medienwelt hat sich radikal verändert. Doch dieser Wandel begann eigentlich schon vor rund hundert Jahren, als die Fotografie immer größere Bedeutung für die journalistische Arbeit erlangte . Auch begünstigt durch technische Entwicklungen. Die kleinere und flexiblere Kameras ermöglichten Fotografinnen und Fotografen das pulsierende Leben der Metropole nun unmittelbar einfangen, und die Bilder veränderten, wie Berlin sich selbst wahrnahm und wie die Welt Berlin sah.
Das Berufsbild des Pressefotografen entstand, der zeitweise einen enormen Einfluss auf die Meinungsbildung nahm. Das Foto galt als Beweis: Was die Kamera zeigte, schien wahr zu sein, und ein Bericht mit Fotografie wirkte unweigerlich glaubwürdiger als bloßer Text.
Dass das, was man sieht, nicht immer der Wahrheit entsprechen muss, lernen wir nicht erst jetzt im Zeitalter der KI. Auch schon damals war ein Bild nie wirklich objektiv. Allein die Wahl des Bildausschnitts entschied darüber, was ins Auge fiel und was verborgen blieb. Bilder wurden retuschiert, Szenen nachgestellt, unliebsame Personen aus Gruppenaufnahmen getilgt. Auch das wird in der Ausstellung dargestellt.
Die rasante Entwicklung der KI und ihre technischen Möglichkeiten verschärfen diese Problematik in unserer Zeit natürlich erheblich, was die kritische Hinterfragung von Bildern und Darstellungen noch dringlicher macht.
Die Ausstellung macht auch die politischen Brüche sichtbar, die Berlin in dieser Zeit durchzog: das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung in der Weimarer Republik, Zensur und Propaganda im Nationalsozialismus, die geteilten Presselandschaften in Ost und West. Themen wie Politik, Sport, Stadtleben und Kriminalität spiegeln dabei nicht nur journalistische Interessen wider, sondern auch die gesellschaftlichen Werte und Konflikte der jeweiligen Zeit.
Die gezeigten Exponate stammen zum einen aus den umfangreichen Beständen der Staatsbibliothek, aber auch zeitgenössische Fotografinnen und Fotografen der Agentur OSTKREUZ sind in der Ausstellung vertreten. An mehreren Multimediastationen kann man die Informationen vertiefen. Auch einige historische Kameras und sonstige Gerätschaften sind zu sehen.
Insgesamt eine sehr schön gestaltete Ausstellung, die viele interessante Aspekte beleuchtet. Bis zum Jahresende werden auch verschiedene Führungen angeboten.
Das Stabi Kulturwerk befindet sich in der Staatsbibliothek zu Berlin, Unter den Linden 8. Die Ausstellung läuft bis zum 20. Dezember 2026, täglich von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.
