Maurizio Cattelan

Maurizio Cattelan. NIGHT

Er gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler: der Italiener Maurizio Cattelan, dem noch bis zum 7. März 2027 eine große Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie gewidmet ist. »Maurizio Cattelan. NIGHT« ist die erste große Einzelausstellung des Künstlers in Deutschland.

Eigentlich beginnt die Ausstellung schon, bevor man das Mies-van-der-Rohe-Gebäude betritt. Auf dem Dach sitzt ein kleiner Junge und schlägt in unregelmäßigen Abständen auf eine Trommel. »You« heißt die Arbeit. Die Figur erinnert an Oskar Matzerath aus Günter Grass’ »Die Blechtrommel«, der mit seiner Trommel gegen die Welt der Erwachsenen protestiert. Nicht die einzige von Cattelans Arbeiten, die einen besonderen Bezug zu Deutschland hat.

Gleich am Eingang der Ausstellung findet sich eines der bekanntesten deutschen Symbole. Ein verkleinerter Nachbau des Brandenburger Tors aus Holz bildet quasi das Eingangstor zur Ausstellung. Man kann durch das Tor hindurchgehen und erlebt das Berliner Wahrzeichen damit einmal aus einer ungewohnten Perspektive. Das Tor ist aus seinem vertrauten städtischen Zusammenhang herausgelöst und wird bei Cattelan zu einer Art Schwelle. Ein durchaus passender Auftakt für eine Ausstellung, in der es immer wieder um Geschichte, Erinnerung und die Frage geht, wie sich die Bedeutung von Bildern und Symbolen verändern kann.

Cattelan nutzt die große Glashalle nicht einfach als Ausstellungsraum, sondern bezieht sie in seine Inszenierung ein. Manche Arbeiten sind weithin sichtbar, andere verstecken sich geradezu. Ein Werk findet sich beispielsweise am Rand in einer Garderobenecke. Man muss schon genau hinschauen, um alle Arbeiten zu entdecken.

Auch ein Blick an die Decke lohnt sich. Fast 4000 präparierte Tauben hat der Künstler im Raum verteilt. Cattelan hat dieses Motiv bereits früher verwendet. Für die Neue Nationalgalerie trägt die Arbeit nun den Titel »People«. Aus den Vögeln werden damit gewissermaßen die Bewohner dieses ungewöhnlichen Ausstellungsraums. Zusammen mit der Architektur entsteht ein Bild, das irgendwo zwischen Museum, Bahnhofshalle und sakralem Raum liegt.

Maurizio Cattelan Nationalgalerie

Zentraler Blickfang im Raum ist ein kniender Junge, den man zunächst nur von hinten sieht. Es ist eine der bekanntesten Arbeiten Cattelans. Erst wenn man näher kommt und die Figur umrundet, erkennt man, dass es sich dabei um Adolf Hitler handelt. Gerade die auf den ersten Blick eher kindlich wirkende, verletzliche Darstellung macht die Arbeit besonders eindrucksvoll und bedrückend.

Auch wenn seine Kunst teilweise sehr ernste und verstörende Themen behandelt, wirkt Cattelan selbst keineswegs wie der große Provokateur, als der er manchmal beschrieben wird. Bei seinem Auftritt in Berlin fiel mir seine ausgesprochen charmante, fast jungenhaft verschmitzte Ausstrahlung auf. Und etwas von diesem Schalk steckt auch in seinen Arbeiten. Bei Cattelan kann etwas gleichzeitig makaber und komisch, verspielt und verstörend sein.

Er gibt nur selten Interviews und erklärt seine Arbeiten nicht gerne. Das finde ich persönlich ganz angenehm. Nicht alles muss bis ins Letzte erklärt und ausdiskutiert werden. Cattelan lässt lieber seine Arbeiten für sich sprechen. Ein seltenes und sehr lesenswertes Interview mit ihm hat die FAZ anlässlich der Ausstellung geführt. Es hilft ein wenig, den Menschen und Künstler Cattelan besser zu verstehen.

Hilfreich ist auch das kostenlose Booklet, das in der Ausstellung ausliegt und die einzelnen Objekte beschreibt. Denn nicht immer sind die Kunstwerke als solche sofort erkennbar. Seine Arbeit »DUST« beispielsweise besteht aus einem handelsüblichen Feuerlöscher, der mit der Asche eines verstorbenen Freundes gefüllt ist, auf dessen Wunsch.
Ich konnte allerdings beobachten, dass viele Besucher einen ganz anderen Feuerlöscher fotografierten, der in einer Ecke stand, in der vermeintlichen Annahme, dass es sich dabei um das Kunstwerk handelte. Den tatsächlichen Feuerlöscher beachteten sie dagegen gar nicht. Aber auch solche Missverständnisse haben eine interessante Aussagekraft und geben spannende Erkenntnisse darüber, wie wir mit Kunst umgehen.

Eine Ausstellung, die sicherlich polarisieren wird und das wahrscheinlich auch will. Aber auf jeden Fall einen Besuch wert.

Geöffnet ist die Neue Nationalgalerie täglich außer Montagsvon 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 10-bis 20 Uhr. Der Eintritt in die Cattelan Ausstellung kostet 16,- €

→ Webseite zur Ausstellung

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