Mit den Augen fliegen ℅ Berlin

Graciela Iturbide – Mit den Augen fliegen

Die Ausstellung »Eyes to Fly With« bei C/O Berlin im Amerika-Haus lädt dazu ein, das Werk der wohl bedeutendsten Fotografin Mexikos zu entdecken: Graciela Iturbide (geb. 1942). Obwohl sie in Deutschland bislang noch nicht so bekannt ist, widmet ihr das Haus nun eine umfassende Retrospektive, die mit rund 250 Arbeiten aus mehr als fünfzig Jahren die beeindruckende Bandbreite ihres künstlerischen Weges aufzeigt.

Iturbides Bilder besitzen oft eine fast schon geheimnisvolle Ausstrahlung. Ihre Kompositionen erschließen sich nicht immer auf den ersten Blick. Genau darin liegt der besondere Reiz ihres Schaffens. Man hält inne, schaut genauer hin und entdeckt Details, die sich erst nach und nach zu einer Erzählung fügen.

Ein zentrales und immer wiederkehrendes Thema ihrer Arbeit ist der Tod. Das wurzelt einerseits in der mexikanischen Kultur, die einen sehr viel selbstverständlicheren Umgang mit Vergänglichkeit pflegt als wir in Mitteleuropa. Andererseits ist dieses Motiv tief in ihrer persönlichen Biografie begründet. Anfang der 1970er Jahre starb Iturbides sechsjährige Tochter. Ein Verlust, der sie zutiefst erschütterte und ihre künstlerische Arbeit nachhaltig prägte. Sie begann, Beerdigungen zu fotografieren, insbesondere die sogenannten »angelitos«, verstorbene Kinder in festlich geschmückten Särgen. Die Ausstellung zeigt eine dieser frühen Arbeiten sowie einen beinahe schockierenden Kontaktabzug einer halb verwesten Leiche am Wegesrand eines Friedhofs. Dieses Bild markierte für sie einen entscheidenden Wendepunkt. Sie beendete die Serie mit der Begründung, der Tod habe ihr nun sein wahres Gesicht gezeigt.

Ab Mitte der 1970er Jahre wandte sich Iturbide verstärkt dem Leben der indigenen Gemeinschaften in Mexiko zu. Bei den Zapoteken im Bundesstaat Oaxaca entstand die ikonische Aufnahme »Nuestra Señora de las Iguanas«, die eine Frau zeigt, die lebende Leguane wie eine Krone auf dem Kopf trägt. Die in der Schau präsentierten Kontaktabzüge verdeutlichen, wie präzise und konzentriert sie arbeitete. 1979 lebte sie einen Monat bei der Seri-Gemeinschaft in der Sonora-Wüste. Dort entstand die berühmte »Mujer Ángel«, eine Frau mit wehenden Röcken und einem Radiorekorder in der Hand über einem weiten Tal. In diesem Bild begegnen sich Tradition und Moderne auf selbstverständliche Weise.

Ganz besonders eindrucksvoll sind auch ihre Arbeiten, die im ehemaligen Wohnhaus von Frida Kahlo (1907–1954) entstanden. Ursprünglich sollte Iturbide dort lediglich Kahlos Kleider dokumentieren. Stattdessen richtete sie ihren Blick auf das Badezimmer, das jahrzehntelang verschlossen geblieben war. In der Badewanne lagen Prothesen, Korsette und Krücken. Diese Gegenstände erzählen von Schmerz, Krankheit und einem enormen Durchhaltewillen. Ohne ein einziges Porträt der Malerin zu zeigen, entwirft Iturbide ein eindringliches Bild dieser Ausnahmekünstlerin.

Iturbide hat nicht nur in Mexiko fotografiert. Im Laufe der Jahrzehnte war sie immer wieder in anderen Ländern unterwegs, unter anderem in den USA, in Indien oder in Bangladesch. Auch dort interessierte sie sich für Rituale, Alltagskultur und gesellschaftliche Übergänge. Einige dieser internationalen Arbeiten sind in der Ausstellung ebenfalls vertreten und erweitern den Blick über Mexiko hinaus.

Charakteristisch für ihr Werk ist der weitgehende Verzicht auf Farbe. Die Schwarzweiß-Fotografie reduziert die Welt auf Licht, Schatten und klare Strukturen. Effekte treten zurück, der Blick wird geschärft. Ihre Fotografien bewegen sich zwischen Dokumentation und Poesie. Sie sind weder reine Reportage noch Inszenierung, sondern konzentrierte Beobachtungen, die Raum für eigene Gedanken lassen.

Eine lohnende Entdeckung die man noch bis zum 10. Juni in der Hardenbergstraße bei C / O machen kann. Geöffnet ist täglich von 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 12,- €.

Webseite zur Ausstellung

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