Natur und deutsche Geschichte

Natur und Geschichte im DHM

Rund 800 Jahre deutscher Geschichte und ihre wechselvolle Beziehung zur Natur behandelt die Ausstellung »Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht«, die derzeit im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen ist. Sie spannt einen weiten Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart und zeigt, wie stark Vorstellungen von Natur immer auch politische, religiöse und gesellschaftliche Deutungen widerspiegelten.

Die Präsentation beginnt mit einer der frühesten bekannten Naturdenkerinnen des deutschsprachigen Raums, der Klosterfrau Hildegard von Bingen, die zwischen 1098 und 1179 lebte. Vielleicht kann man sie als erste »Grüne« bezeichnen. Sie beschäftigte sich intensiv mit Pflanzen, Heilkräutern und medizinischen Fragen. Zentral ist dabei ihr Begriff der »Viriditas«, der Grünkraft. Gemeint war eine göttliche Lebenskraft, die allem Lebenden innewohnt und die Grundlage von Gesundheit und Heilung bildet. Natur erschien hier noch als göttliche Ordnung, die es zu erkennen und zu bewahren galt.

Im weiteren Verlauf der Ausstellung wird deutlich, wie sich dieses Naturverständnis im Lauf der Jahrhunderte wandelte. Mit der frühen Neuzeit trat zunehmend ein wissenschaftlicher Blick auf Pflanzen, Tiere und Landschaften hinzu. Natur wurde erforscht, katalogisiert und nutzbar gemacht. Gleichzeitig diente sie immer wieder als Projektionsfläche für politische Ideen. Im 19. Jahrhundert wurde auch Natur zunehmend national aufgeladen. Wälder, Berge und Flüsse entwickelten sich zu Symbolen einer vermeintlich deutschen Identität.

Ein zentrales Kapitel der Ausstellung widmet sich dem Missbrauch biologischer Theorien im Nationalsozialismus. Begriffe wie »Blut und Boden« oder rassistische Auslesevorstellungen machten deutlich, wie Naturbilder zur Rechtfertigung von Gewalt, Ausgrenzung und Vernichtung instrumentalisiert wurden. Diesen Abschnitt der Ausstellung fand ich besonders eindrücklich, da er zeigt, wie gefährlich es werden kann, wenn Natur und Naturliebe zu ideologischen Zwecken missbraucht werden.

Nach 1945 änderte sich der Blick erneut. Umweltzerstörung, Atomkraft, Waldsterben und schließlich der Klimawandel rückten Naturfragen zunehmend in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten. Die Entstehung der Umweltbewegung und der Grünen Partei bildet den Schlusspunkt der Ausstellung. Hier wird sichtbar, dass Natur heute weniger als nationale Idee verstanden wird, sondern als globale Verantwortung. Oder zumindest so verstanden werden sollte. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt leider, dass in einigen Ländern wieder stärker rein nationale Interessen in den Vordergrund rücken.

Die Ausstellung arbeitet mit historischen Objekten, Grafiken, Filmen und multimedialen Stationen. Es gibt mit allen Sinnen viel zu entdecken. Sogar der Nase wird an einer Station etwas geboten.

Die Präsentation ist Inhaltlich sehr intensiv. Man braucht schon etwas Zeit dafür. Regelmäßig werden auch Führungen angeboten, bestimmt hilfreich, um einen guten Einstieg in die recht komplexe Thematik zu finden.

Geöffnet ist die Ausstellung noch bis zum 7. Juni 2026 täglich von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 7 Euro.

Webseite der Ausstellung

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