Parlament der Bäume
Mitten im Berliner Regierungsviertel, zwischen Reichstag, Bundestag und den modernen Bauten des »Bandes des Bundes«, möchte ich auf einen Ort aufmerksam machen, den man leicht übersehen kann und der daher wahrscheinlich vielen nicht bekannt ist.
Am Schiffbauerdamm, fast direkt an der Spree, liegt das »Parlament der Bäume«. Eine kleine Parkanlage mit Bäumen, Pflanzen, bemalten Mauerstücken und großen Granitplatten.
Was zunächst nur wie eine etwas ungewöhnliche Grünanlage aussieht, ist viel mehr. Es ist ein Mahnmal, ein Kunstwerk und ein Stück deutscher und ganz besonderer Berliner Geschichte.
Angelegt wurde das »Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt« 1990 vom Künstler und Umweltaktivisten Ben Wagin (1930–2021). Nur ein Jahr nach dem Mauerfall begann er, den ehemaligen Grenzstreifen gegenüber dem Reichstagsgebäude zu gestalten. Wagin sicherte Teile der Berliner Hinterlandmauer, pflanzte Bäume und ergänzte das Gelände um Gedenksteine, Bilder, Texte und andere künstlerische Elemente. Aus dem ehemaligen Grenzstreifen sollte ein lebendiger Ort der Erinnerung werden.
Ein wichtiger Bestandteil ist eine Gruppe von 16 Bäumen. Sie wurden 1990 von den damaligen Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer gepflanzt und gaben dem Ort seinen Namen. Aus den damals noch kleinen Bäumen ist inzwischen ein grünes Dach geworden. Rundherum stehen weitere Bäume und Pflanzen. Dazwischen finden sich die Spuren der Geschichte.
Auf großen Granitplatten sind die Namen von Menschen eingraviert, die an dieser innerdeutschen Grenze ums Leben kamen. Auch die erhaltenen Mauerteile erzählen ihre eigene Geschichte. Insgesamt 58 originale Mauerteile wurden für das »Parlament der Bäume« verwendet und von Wagin und anderen Künstlern gestaltet. Jahreszahlen, Bilder, Texte und Symbole bedecken die grauen Betonflächen. Sie wirken wie Fundstücke aus einer vergangenen Zeit.
Ben Wagin wollte mit seinem »Parlament der Bäume« auch an Krieg und Gewalt erinnern und zugleich für den Schutz der Natur werben. Natur, Kunst und Erinnerung gehören deshalb untrennbar zusammen. Die Pflanzen dürfen sich ihren Raum erobern, und die Anlage verändert sich mit den Jahreszeiten.
Ganz unverändert blieb das »Parlament der Bäume« im Laufe der Jahre nicht. Als das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestages gebaut wurde, musste ein Teil des ursprünglichen Areals weichen. Einige Elemente des Kunstwerks wurden deshalb in das neue Gebäude integriert. Im Untergeschoss befindet sich heute das Mauer-Mahnmal des Deutschen Bundestages. Dort folgen originale Mauersegmente dem früheren Verlauf der Grenzanlagen. Auch dieses Mahnmal geht auf eine Initiative Ben Wagins zurück.
Das Mahnmal im Untergeschoss des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses kann dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr kostenlos besucht werden.
Das »Parlament der Bäume« ist in diesem Jahr nur noch bis zum 4. Oktober und dann noch einmal am 9. November geöffnet. Danach ist bis April 2027 Winterpause. Der Eintritt ist frei.
→ Webseite Parlament der Bäume
(Hinweis: Teile dieses Textes stammen aus meinem Buch „Oasen der Ruhe in Berlin„)






