Räume schaffen Georg Kolbe Museum

Räume schaffen im Georg-Kolbe-Museum

Das denkmalgeschützte Atelierhaus in der Sensburger Allee war über Jahrzehnte vor allem ein Ort der Erinnerung an seinen einstigen Bewohner, den Bildhauer Georg Kolbe (1877-1947). Seit Kathleen Reinhardt 2022 die Direktion übernahm, ist der Rahmen etwas weiter geworden. Das Museum stellt nun auch Künstlerinnen vor, die zu Kolbes Zeiten tätig waren, heute aber kaum noch bekannt sind.

In der jüngst eröffneten Ausstellung stehen Werke der britischen Künstlerin Marlow Moss (1889–1958) im Mittelpunkt. Es ist die erste große Schau, die ihr in Deutschland gewidmet wird.

Moss wuchs in London auf und brach früh mit den Konventionen ihrer Zeit: Sie gab sich selbst den Namen Marlow, trug maskuline Kleidung und lebte ihre Identität als queere Frau offen. 1927 zog sie nach Paris, wo sie Piet Mondrian kennenlernte, mit dem sie sich anfreundete. Beide arbeiteten mit strengen geometrischen Formen, parallelen Linien, klaren Farben. Mondrian wurde weltberühmt. Moss nicht.

Dabei hatte sie ihm durchaus etwas voraus. Ab 1930 verwendete sie in ihren Gemälden zwei parallele dünne Linien nebeneinander – die sogenannte Doppellinie –, die Mondrian später ebenfalls übernahm. Wer sie zuerst erfunden hatte, war lange umstritten, und beinahe hätte der Streit die Freundschaft der beiden beendet. Heute gilt Moss als die wahrscheinliche Urheberin.

Dass ihr Name dennoch kaum bekannt ist, hat mehrere Gründe. Als queere, jüdische Frau passte sie in keine der damals üblichen Schubladen. Dazu kam der Zweite Weltkrieg: Als sie 1940 vor den Nationalsozialisten aus Frankreich fliehen musste, ließ sie ihren gesamten Atelierbestand zurück. Ein Bombenangriff zerstörte fast alles. Ein weiterer Teil des Werks verschwand später spurlos nach einer Ausstellung in den Niederlanden. Was geblieben ist, lässt sich an einer Hand abzählen.

Die wenigen erhaltenen Skulpturen sind nun im lichtdurchfluteten Atelierraum zu sehen, in dem einst Georg Kolbe selbst arbeitete. Groß sind die Objekte nicht, aber sie ziehen den Blick auf sich. Formen aus weißem Marmor, eine zarte Eisenkonstruktion, eine aufgefaltete Säule aus Metallplatten und polierte Messingkugeln, die mich unwillkürlich an  gerade in der Nationalgalerie gesehen Brancusi Werke erinnen.

lMoss hat in Geometrien gedacht, und diese Genauigkeit ist den Arbeiten anzumerken.

Einen wichtigen Anteil daran, dass diese Ausstellung überhaupt möglich wurde, hat die niederländische Künstlerin Florette Dijkstra. Sie begann vor Jahrzehnten hartnäckig nach Spuren von Moss zu suchen: in Archiven, bei Erben, anhand alter Fotos. Alle bekannten Skulpturen hat sie mit Bleistift gezeichnet – die erhaltenen und die verlorenen zusammen auf einer einzigen Wand.

Vier zeitgenössische Künstlerinnen sind ebenfalls dabei. Ro Robertson, selbst aus Cornwall stammend, zeigt eine Stahlskulptur im Museumsgarten. Tacita Dean, die in Berlin lebt, bringt eine Sammlung von Buddelschiff-Modellen mit. Leonor Antunes und Dijkstra selbst ergänzen die historischen Werke mit eigenen Arbeiten. Das Nebeneinander wirkt nicht konstruiert, sondern wie ein künstlerischer Austausch über Generationen hinweg.

Wer das Georg Kolbe Museum besucht und hauptsächlich dessen Namensgeber im Sinn hat, wird von dieser Ausstellung zunächst vielleicht etwas überrascht sein. Wer sich darauf einlässt, wird aber mit der Entdeckung einer interessanten Künstlerin belohnt.

»Räume schaffen. Die Konstruktivistin Marlow Moss« ist bis zum 26. Juli 2026 im Georg Kolbe Museum zu sehen, Sensburger Allee 25, Berlin-Westend. Geöffnet mittwochs bis montags von 11 bis 18 Uhr, dienstags geschlossen. Der Eintritt kostet 10,– €.

Webseite zur Ausstellung

Tipp: Ganz in der Nähe des Museums befindet sich der Georg-Kolbe Hain eine schöne kleine Parkanlagen mit mehreren Skulpturen von Georg Kolbe. Ein Ort den ich auch in mein Buch Oasen der Ruhe aufgenommen habe.

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