Rio, Rosa und die Märchenbrüder
Bei leichtem Schneefall, habe ich am letzten Wochenende den Alten St. Matthäus Friedhof in Schöneberg besucht. Die sanfte weiße Schneedecke verleiht dem Friedhof nochmal eine ganz besondere Atmosphäre.
Der Kirchhof nahe dem S-Bahnhof Yorkstraße wurde bereits 1856 eingeweiht und ist heute eine der geschichtsträchtigsten Begräbnisstätten Berlins. Zwischen alten Bäumen, historischen und modernen Grabmälern u begegnet man hier großen Namen der Kultur- und Geistesgeschichte aus alter neuer Zeit.
Zu den bekanntesten gehören sicherlich die Brüder Grimm, die natürlich besonders durch ihre Märchensammlung bekannt und populär sind. Das war aber nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit. BIs heute gelten sie als bedeutende Sprachwissenschaftler und Mitbegründer der Germanistik. Ihre schlichten Grabsteine wirken auch eher wissenschaftlich nüchtern als märchenhaft.
Ganz anders ein ein weiters prominentes Grab auf diesem Friedhof. Hier liegt der selbsternannte König von Deutschland – Rio Reiser. Sein Grab wird von den immer noch zahlreichen Fans immer wieder fantasievoll geschmückt. Es ist spürbar, wie sehr seine Musik bis heute Menschen begleitet.
Erst vor Kurzem wurde auch Rosa von Praunheim hier beigesetzt. Der Regisseur und Aktivist hat die queere Bewegung in Deutschland maßgeblich mitgeprägt und hat sich diesen Friedhof sicherlich ganz bewusst ausgesucht. Viele Mitglieder der queren Community haben hier ihre letzte Ruhe gefunden, in Einzelgräbern, aber auch in einer Gemeinschaftsgabranlage der Deutschen Aidshilfe.
Besonders berührend ist der Garten der Sternenkinder. Diese Ruhe- und Gedenkstätte ist Fehlgeburten, Totgeburten und Babys gewidmet, die während oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Der geschützte Bereich bietet Angehörigen einen Ort der Erinnerung. Zwischen kleinen Steinen, Figuren und persönlichen Zeichen wird deutlich, wie individuell https://www.zwoelf-apostel-berlin.de/die-kirchhofe/alter-st-matthaus-kirchhofTrauer ist.
Das zeigt sich auch an vielen teilweise recht originell gestalteten Grabsteine und Grabbeigaben. Seien es nun Koffer oder Bücher aus Stein oder die Boxhandschuhe von Graciano Rocchigiani. Es gibt auf jeden Fall viel zu entdecken.
Zu verdanken ist das auch dem Förderverein Efeu e.V, der sich auf verschiedenen Eben um Erhalt und Entwicklung des Friedhofes bemüht. In den wärmeren Monaten bietet der Verein auch interessante Führungen an.
Fasst hätte es den Friedhof nicht mehr gegeben. Im Zuge der nationalsozialistischen Planungen für die sogenannte Germania-Hauptstadt sollte er aufgegeben werde. 1938 und 1939 wurde etwa ein Drittel der Grabstätten auf den Südwestkirchhof Stahnsdorf umgebettet. Darunter befand sich auch das monumentale Langenscheidt-Mausoleum. Heute erinnert an dieses Grab nur noch ein Gedenkstein sowie ein Wandbild auf dem Gelände.
Der perfekte Abschluss eines Rundgangs über diesen Friedhof, ist der Besuch im Friedhofscafe Finovo. Es gilt als erstes Friedhofscafé Deutschlands. Hier gibt es nicht nur guten Kaffee und Kuchen sondern auch eine angenehme Atmosphäre und im Sommer schöne Sitzplätze im Garten.
Im Garten möchte man jetzt nicht unbedingt sitzen, aber ein Spaziergang über diesen Friedhof lohnt auf jeden Fall zu jeder Jahreszeit.
→ Bonusmaterial für Berlinspazierer Plus Mitglieder
