Schwer Stoff
Dem leider viel zu wenig bekannten Museum Europäischer Kulturen in Berlin-Dahlem gelingt es immer wieder, originelle Titel für seine Ausstellungen zu finden und damit neugierig auf Themen zu machen, die im ersten Moment vielleicht gar nicht so spannend klingen.
So auch bei der aktuellen Ausstellung »Schwerer Stoff – Frauen, Trachten, Lebensgeschichten«. Der Titel spielt mit einer doppelten Bedeutung: Tracht ist tatsächlich schwerer Stoff, buchstäblich — üppige Stoffe, viele Lagen, teilweise aufwendige Stickereien. Aber schwer ist auch das, was in diesen Kleidern steckt. Denn jedes der zwanzig ausgestellten Gewänder steht für eine Lebensgeschichte, und manche dieser Geschichten sind wirklich schwer zu tragen: Vertreibung, Verlust, Entwurzelung, der Zwang zur Anpassung in einer fremden Welt.
Es geht um die Trachten der Donauschwaben — und um die Frauen und Mädchen, die sie trugen. Als Donauschwaben bezeichnet man die Nachfahren deutschsprachiger Siedler, die sich vorwiegend als Bauern und Handwerker seit dem späten 17. bis in das 19. Jahrhundert im Königreich Ungarn niederließen. Dort lebten sie Generationen lang als eine ethnische Gruppe unter vielen, in einer multikulturell geprägten Region entlang der mittleren Donau. Gebiete, die heute zu Ungarn, Serbien, Rumänien und Kroatien gehören. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten von ihnen vertrieben.
Die Ausstellung wurde vom Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm übernommen und war auch schon in Budapest zu sehen. Die gezeigten Trachten wurden dem Museum in Ulm oft noch persönlich von ihren Trägerinnen übergeben. Dabei wurde natürlich viel Persönliches erzählt. Nicht nur über die Trachten selbst, sondern auch über den Lebensweg der jeweiligen Besitzerin konnte man so viel erfahren. Das macht die Ausstellung so besonders, denn solche Zeitzeuginnen wird es nicht mehr lange geben. Es ist wichtig, diese Erzählungen und Erfahrungen zu bewahren.
Deutlich wird in der Ausstellung auch, dass Trachten nicht unbedingt etwas mit Heimattümelei und konservativem Gedankengut zu tun haben müssen. Erst in der Nazizeit wurde versucht, daraus ein Zeichen einer konstruierten »Volksgemeinschaft« zu machen. In diesem Zusammenhang sind auch die Aquarelle der Malerin Erna Piffl (1904–1987) interessant, die in der Ausstellung zu sehen sind. Sie hatte von den Nationalsozialisten den Auftrag erhalten, die Trachten deutscher Dörfer in Ungarn zeichnerisch festzuhalten. Heute sind diese Bilder einerseits eine historisch interessante Dokumentation, andererseits natürlich immer auch vor ihrem ideologischen Hintergrund zu beurteilen.
Zum Abschluss der Ausstellung wird es dann doch noch ein wenig Leichter Aus dem schweren Stoff wird etwas Neues: Die Ausstellung zeigt, wie aus alten Trachtenteilen durch Upcycling neue Kleidung entstand. Zum einen, weil Material nach dem Krieg knapp war, aber auch weil junge Frauen andere Vorstellungen von Mode hatten und in ihrer neuen Heimat ankommen und ein modernes Leben führen wollten.
Der Weg nach Dahlem lohnt sich. Der Blick auf alte Trachten aus einem frischen Blickwinkel ist dem Museum wirklich gelungen.
»Schwerer Stoff – Frauen, Trachten, Lebensgeschichten« ist noch bis zum 29. März 2027 im Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25, Berlin-Dahlem zu sehen.
Das Museum ist mittwochs bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 10 Euro,
