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Der Hirsch über dem Sofa

»Tapetenwechsel« ist der eher harmlos klingende Titel einer neuen Ausstellung des Stadtmuseums Berlin. Doch für die Menschen, um die es in dieser Ausstellung geht, war es in der Regel deutlich mehr als nur ein einfacher Wechsel der Umgebung.

Die Ausstellung im Museum Ephraim-Palais erzählt vom Wohnen in der Migrationsgesellschaft. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die seit den 1950er Jahren nach Deutschland kamen. Viele fanden zunächst nur provisorische Unterkünfte vor – Baracken, enge Wohnheime oder ehemalige Lager. Filippo Bologna etwa, der als 14-Jähriger in den 1960er Jahren aus Sizilien nach Solingen kam, schob sich zwei Holzstühle zusammen. Das war sein Bett, jahrelang.

Die ersten Unterkünfte waren häufig direkt an den Arbeitsplatz gekoppelt, von Großkonzernen wie Siemens organisiert oder staatlich verwaltet, mit Hausordnungen, die bis in Fragen der Hygiene hinein regelten, was erlaubt war und was nicht. Im Mittelpunkt stand die Arbeitskraft, nicht das Individuum.

Doch die Realität zeigte eine andere Entwicklung. Je länger die Jahre vergingen, desto klarer zeigte sich, dass viele auf Dauer bleiben und sich hier auch heimisch fühlen wollten. Das veränderte die Ansprüche an das Wohnen. Aus dem Schlafsaal wurde ein Zimmer, aus dem Zimmer eine Wohnung, aus der Wohnung ein Zuhause, das es zu gestalten und zu verteidigen galt.

Die Ausstellung nähert sich diesem Wandel ganz konkret über die Einrichtung. Sofa, Fernseher, Schrankwand, Gummibaum – das sind keine beliebigen Gegenstände, sondern Kennzeichen von sozialen Verhältnissen und gelebter Geschichte. In den Wohnstuben der Migranten hingen Wandteppiche aus Import-Export-Läden: mal das Porträt Atatürks neben der türkischen Fahne, mal ein Hirsch am blauen Weiher vor leuchtendem Abendhimmel. Spätestens beim Kitsch treffen sich der deutsche und der migrantische Geschmack.

Private Dokumente und Fotos werden dabei gleichrangig präsentiert mit künstlerischen Arbeiten und anderen Ausstellungsstücken. Dabei geht es nicht nur um die sogenannte Gastarbeitergeneration. Auch die Wohnsituationen von Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeitern in der DDR und die Unterkünfte von Geflüchteten in den 1990er Jahren kommen zur Sprache.

Das Private war in dieser Geschichte selten wirklich privat. Ab 1975 verhängte der Berliner Senat Zuzugssperren für Kreuzberg, Tiergarten und Wedding, um die weitere Ansiedlung von Migrantenfamilien zu verhindern. Gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt wehrten sich Betroffene durch Hausbesetzungen und Proteste. Dass rassistische Gewalt gezielt in Privatwohnungen eindringen kann, zeigt die Ausstellung am Beispiel des Brandanschlags auf die Familie Genç in Solingen 1993. Ein Foto von Bundespräsident Johannes Rau beim Kondolenzbesuch – verlegen auf dem Sofa der überlebenden Familienmitglieder sitzend – spricht dabei mehr aus als jeder Kommentar.

Die Ausstellung entwickelt sich in zehn thematischen Kapiteln, die man in beliebiger Reihenfolge begehen kann. Fotografien, Alltagsobjekte, Kunstwerke, literarische Texte und Hörstationen fügen sich zu einer vielstimmigen Erzählung. Mit ihrem Einleben, so ein zentraler Gedanke der Schau, werden Migrantinnen und Migranten nicht einfach zu Einheimischen, sondern zu »Mehrheimischen« – ein Begriff, der mir sehr gut gefallen hat.

Dass das Stadtmuseum Berlin diesem Thema einen eigenen Schwerpunkt widmet, ist kein Zufall. Migration hat Berlin geprägt wie kaum ein anderes Phänomen – sie hat Viertel verändert, Straßenzüge neu erfunden und die Stadt zu dem gemacht, was sie heute ist. »Tapetenwechsel« ist dabei erst der Auftakt: Ab dem 10. September 2026 folgt im selben Haus »Geteiltes Leben« mit künstlerischen Arbeiten im Kontext von Migration und Exil seit den 1970er Jahren.

»Tapetenwechsel – Migration und Mobiliar seit 1960« läuft bis zum 3. Januar 2027 im Museum Ephraim-Palais, Poststraße 16, Mitte. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 7 Euro,

Webseite der Ausstellung

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