Vera Mercer entdecken
Eine sehr vielseitige Fotografin habe ich letztens durch eine Ausstellung in der Zitadelle Spandau für mich entdeckt: Gezeigt werden Arbeiten von Vera Mercer, die 1936 in Berlin geboren wurde. Die Ausstellung mit dem Titel »Life in Focus« ist eine Retrospektive, die ihre Entwicklung von frühen Porträts bis zu ihren monumentalen Stillleben nachzeichnet.
Mercer wuchs in einem künstlerischen Umfeld auf, lernte in den fünfziger Jahren den Künstler Daniel Spoerri kennen und zog mit ihm nach Paris. Dort begann ihre fotografische Laufbahn. Spoerri schenkte ihr eine Kamera, und bald saß sie in Cafés und Bistros, beobachtete Menschen und hielt Szenen fest, die zwischen Alltagsmoment und der Welt der Kunst changieren. Aus dieser Zeit stammen Porträts bedeutender Künstlerinnen und Künstler, darunter Marcel Duchamp und Andy Warhol, sowie die berühmte Frontalaufnahme von Samuel Beckett.
Gezeigt wird auch eine Serie von Bildern in denen sie Menschen beim Essen zeigt. Lebensmittel und Essen spielen in Mercers Werk sowieso auf vielfältige Weise eine wichtige Rolle. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie mit ihrem zweiten Ehemann Mark Mercer später mehrere Restaurants betrieb und sich intensiv mit gastronomischen Räumen beschäftigte.
Eindrucksvoll sind Mercers Aufnahmen aus den alten Pariser Markthallen Les Halles. Sie fotografierte dort frühmorgens Metzger, Händler und gewaltige Rinderhälften. Viele dieser Bilder gingen später durch einen Brand verloren, doch die wenigen erhaltenen vermitteln eine unmittelbare Atmosphäre aus Geschäftigkeit, Müdigkeit und einer Art rauer Schönheit. Die Ausstellung zeigt diese seltenen Arbeiten in einer dichten Zusammenstellung.
In den neunziger Jahren wandte sich Mercer dem Stillleben zu. Diese großformatigen, farbintensiven Arrangements bilden den Schwerpunkt der Schau. Sie orientieren sich an der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts und verbinden opulente Früchte und Blumen mit Elementen, die Vergänglichkeit sichtbar machen. Häute, Knochen oder ganze Tierköpfe sind dabei keine Provokation, sondern Bestandteil eines konsequenten Blicks auf das Zusammenspiel von Leben und Tod. Ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber eindrucksvoll.
Die Ausstellung im Zentrum für Aktuelle Kunst auf der Zitadelle Spandau läuft noch bis zum 11. Januar 2026 verlängert bis 25.01.2026 und bietet einen konzentrierten Blick auf das vielschichtige Werk einer interessanten Künstlerin.
