Wir sind am Leben

Große Gefühle – Berlin in den 90ern

Eine Weltpremiere gab es vor kurzem im Theater des Westens an der Kantstraße. Das bewährte Team um die beiden Intendanten Ulf Leo Sommer und Peter Plate bringt ein neues Berlin-Musical auf die Bühne.

Der Titel »Wir sind am Leben« hat gleich eine mehrfache Bedeutung. Zum einen bezieht er sich auf ein Album der Band Rosenstolz und erinnert damit auch an die im vergangenen Jahr verstorbene Sängerin Anna R., zum anderen beschreibt er das Lebensgefühl der 1990er Jahre, in denen das Musical spielt.

Die Handlung hat auch autobiografische Züge. Plate und Sommer lernten sich Anfang der 1990er Jahre in Berlin kennen und lieben. Der eine kam aus dem Osten, der andere aus dem Westen. Auch im Musical spielt die schwul-lesbische Szene dieser Zeit eine wichtige Rolle. Hauptschauplatz ist ein besetztes Haus in Berlin-Friedrichshain. In einer Wohnung über einem ehemaligen Konsum hat sich ein bunt zusammengewürfeltes Grüppchen einquartiert. Die Räume sollen früher einmal die Zentrale der Ostberliner Telefonseelsorge gewesen sein. Der Anschluss funktioniert noch, und so versuchen sich die Bewohner nebenbei als Lebensberater. An Problemen mangelt es in dieser Umbruchszeit nicht. Das Lebensgefühl schwankt zwischen Aufbruchsstimmung und großer Unsicherheit. Auch AIDS ist ein wichtiges Thema jener Jahre und wird im Musical nicht ausgespart. Bruno, einer der WG-Bewohner, ist erkrankt und wird daran sterben.

Die Geschichte entwickelt sich rund um diese Wohngemeinschaft, die sich selbst ironisch „Konsum Hoffnung“ nennt. Hier lebt eine sehr unterschiedliche Gruppe von jungen Leuten, die alle auf ihre Weise versuchen, in der neuen Zeit zurechtzukommen. Zu ihnen gehören unter anderem der angehende Fotograf Mario und seine Schwester Nina, die von einer Karriere als Sängerin träumt, der Tänzer Nando, die idealistische Doris und Bruno, der nachts als Marlene-Dietrich-Imitator auftritt und zu den schillerndsten Figuren des Stücks gehört.

Für zusätzliche Unruhe sorgt das Auftauchen von Rosi, der Mutter von Mario und Nina, die von Steffi Irmen fantastisch gespielt wird. Die Friseurin aus Wittenberg reist ihren Kindern hinterher nach Berlin und quartiert sich kurzerhand ebenfalls in der WG ein. Mit ihrer direkten Art und ihrem großen Mutterherz bringt sie die ganze Gemeinschaft durcheinander und sorgt für viele komische, aber auch sehr warme Momente. Gleichzeitig wird sie zu einer Art Mittelpunkt der Gruppe, die in dieser chaotischen Zeit so etwas wie eine Ersatzfamilie bildet.

Neben viel Ausgelassenheit und Humor bekommt die Geschichte aber auch eine ernste Seite. Die Bedrohung durch AIDS gehört zu den zentralen Themen der Zeit und auch des Musicals. Am Beispiel der Figur des Bruno wird deutlich, wie sehr diese Krankheit in der Gesellschaft präsent war. Seine Erkrankung und sein Tod bilden einen traurigen Gegenpol zur oft spürbaren Aufbruchsstimmung, die die ersten Jahre nach der Wende geprägt hat. Seine Sterbeszene ist allerdings auch ein eindrucksvoller und berührender Höhepunkt der Inszenierung.

Das Musical erzählt diese Zeit sehr deutlich aus der Perspektive der Szene, in der sich auch Plate und Sommer damals wohl bewegten. Clubs, Hausbesetzer, queere Community stehen im Mittelpunkt. Andere Seiten der Nachwendejahre treten eher in den Hintergrund. Dadurch entsteht kein vollständiges Bild dieser Zeit, was aber auch kaum zu leisten wäre.

Jeder, der die Zeit erlebt hat, hat seine eigenen Erinnerungen, abhängig von Alter und Lebenssituation, in der er sich damals befand. Letztlich ist es aber eher positiv, das sich das Stück auf einige wenige Blickwinkel beschränkt und nicht allzu viele Aspekte dieser Zeit versucht unterzubringen..

Musikalisch bewegt sich die Produktion auf vertrautem Terrain. Viele Songs erinnern stark an den Stil von Rosenstolz und an die bisherigen Arbeiten des Teams. Wirklich überraschende musikalische Wendungen gibt es eher selten, stattdessen setzt man auf eingängige Balladen und kraftvolle Ensemble-Nummern. Das passt zum Konzept des Abends und wird von den Fans gefeiert.

Auch dramaturgisch ist nicht immer alles ganz rund. Manches wirkt zu skizzenhaft, anderes vielleicht zu breit ausgewalzt. Ich könnte mir vorstellen, dass an Feinheiten im Laufe der Vorstellungen noch gearbeitet wird. Trotzdem funktioniert der Abend gut. Das liegt auch daran, dass man spürt, wie viel persönliches Herzblut in dieser Produktion steckt und mit wie viel Spielfreude das ganze Ensemble dabei ist.

Müsste man das Musical irgendwo einordnen, würde ich es als eine Mischung aus „La Cage aux Folles“ und „Linie 1“ bezeichnen. Ein Vergleich der natürlich natürlich ziemlich hinkt. Irgendwie ist es natürlich auch ganz anders und hat seinen eigenen Stil.

Ist es nun DAS neue Berlin-Musical? Nein. Ich denke, Berlin ist zu vielschichtig, um es in einem Stück zu erfassen. Interessante Aspekte beleuchtet es auf jeden Fall und das Zusehen macht Spaß. Das ist schon eine ganze Menge.

Die Handlung endet mit dem Übergang ins Jahr 2000 und blickt durchaus etwas skeptisch in die Zukunft. Im Song „Mein Berlin“ heißt es im Refrain:

„Warum willst du wie die andern sein
Wie Paris, New York, Frankfurt am Main
Seit wann kann man dich kaufen
Wer ließ all die Yuppies rein
Krawatten jetzt in Friedrichshain
Berlin, hast dich verlaufen.“

Solche Momente zeigen, dass das Musical die Vergangenheit nicht einfach verklärt, sondern auch fragt, was aus dem besonderen Lebensgefühl dieser Jahre geworden ist und wo wir eigentlich hin wollen mit dieser Stadt.

Zum Abschluss der Show ist der Schriftzug „Freiheit ist die schönste Stadt der Welt“ auf der Bühne zu sehen. Ein Motto, das dann doch wieder optimistisch stimmt und das begeisterte Publikum beschwingt nach Hause gehen lässt.

Gespielt wird täglich außer montags. An den Wochenende gibt es meistens sogar 2 Vorstellungen. Tickets gibt es ab ca. 50,- €.

Tickets und weitere Infos

Transparenzhinweis: Das Ticket wurde mir vom Veranstalter kostenlos zur Verfügung gestellt.

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